Atomkraft in Frankreich - Vive la France!

58 Atomkraftwerke liefern 75 % des französischen Stroms.

Zum Vergleich: in Deutschland sind lediglich 17 Reaktoren in Betrieb.

Während aber schon diese 17 Reaktoren mit ihren strahlenden Abfällen

die deutschen Gemüter in vielfältiger Weise erregen, gehen unsere

französischen Nachbarn mit einer mehr als dreimal so großen Menge an radioaktiven Abfällen äußerst gelassen um.

Die Anlage von Tricastin im Département Drôme ist ein gutes Beispiel für den sorglosen Umgang der Franzosen mit dem Thema Kernkraft.

Auf dem Gelände lagern 770 Tonnen radioaktiver Abfälle aus

Militärbeständen. Zwischen 1969 und 1976 wurden sie lediglich mit Erde bedeckt. 2002 wurde der Erdhügel erstmals behördlich erwähnt. Als Regen einzelne Fässer frei spülte, beschränkte man sich darauf, die Fässer einfach nur erneut wieder mit Erde abzudecken.

Einige Zeit später traten 30 000 Liter radioaktiver Lösung aus der eigentlichen Atomanlage. Es handelte sich um Uran mit einer Gesamtmenge von 360 Kilogramm. Die Flüssigkeit gelangte in mehrere Flüsse und Seen der Region.

Wie schon in voran gegangenen Fällen bestand aber für die Bevölkerung zu keiner Zeit eine Gefahr.

Zwar gibt es in Frankreich inzwischen über 800 Vereine, die im Netzwerk "Sortir du nucléaire" (Atomausstieg) organisiert sind und die amtlich verbreitete Sorglosigkeit keineswegs teilen, aber ihr Einfluss auf die Meinungsbildung ist eher gering.

Abgesehen von den Grünen und der extremen Linken gibt es in Frankreich keine politische Partei, die sich offen gegen die Nutzung der Kernenergie ausspricht. Da die Nuklearbranche etwa 200 000 französische Arbeitsplätze sichert, sind fast alle Gewerkschaften für die Beibehaltung der Kernkraft.

Bei soviel allgemeiner Akzeptanz wundert es nicht, dass es sogar eine Bewegung " Umweltschützer für Atomkraft" gibt. Das Argument, eine Reduzierung der CO2 Immissionen könne am effektivsten durch den Ausbau der Kernkraft erreicht werden, findet nicht nur in französischen

Regierungskreisen einen gewissen Zuspruch.

Ganz im Sinne französischer Atompolitik beginnen derzeit im lothringischen Ort Bure die Vorbereitung zur Schaffung eines Endlagers für radioaktive Abfälle. Um regionalen Politikern das Projekt schmackhaft zu machen, überweist die Zentralregierung in Paris den beiden vom Endlager betroffenen Départements Meuse und Haute-Marne

jährlich zur "wirtschaftlichen Begleitung" 60 Mio. Euro. Investitionen in Höhe von einigen hundert Millionen Euro, plus 500 neue Arbeitsplätze sind das zusätzliche Versprechen, das allzu laute Kritik schnell verstummen lässt.

Alle nuklearen Abfälle, die die französische Atomindustrie bis dahin produziert hat, würden auf einmal in der Erde verschwinden. 6000 Kubikmeter stark strahlender Abfälle sollen dann, abhängig von noch ausstehenden Genehmigungsverfahren, in einer Tiefe von 500 Metern

direkt unter dem Dorf dauerhaft gelagert werden. Bis 2025 soll das Endlager fertig gestellt sein.

Für zukünftigen Atommüll reicht die ausgewiesene Kapazität jedoch nicht aus, so dass zu befürchten ist, dass später anfallender Müll teilweise wieder oberirdisch gelagert wird.

Vielleicht auch wieder in Tricastin, wo bereits einschlägige Erfahrungen mit radioaktiven Abfällen aus Militärbeständen vorhanden sind.

Ob das Endlager in Bure letztlich mit ähnlicher Sorgfalt betrieben wird, bleibt abzuwarten. Spätestens wenn 500 zusätzliche Arbeitsplätze durch die gleiche Anzahl an tödlichen Krebserkrankungen ausgeglichen wurden, darf man unseren Nachbarn aber zu einem äußerst gelungenen Projekt gratulieren.

Vive la France!